Ein Plädoyer für mehr Gleichheit in unserer Gesellschaft
Von Marco Fatfat
Der Gerechtigkeit wird ein ganz besonderer Wert in unserer Gesellschaft und in politischen Auseinandersetzungen beigemessen, man beruft sich gerne auf sie als eine Art letzte Schiedsinstanz. Welche grundsätzliche Vorstellung von Gerechtigkeit aber ist überzeugend?
Dem ganz grundlegenden Einwand, dass jeder seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat, scheint zu widersprechen, dass immerhin Einigkeit darüber besteht, dass z.B niemand aufgrund seines Geschlechts, seines sozialen Status oder der Hautfarbe ungleich behandelt werden sollte.
Abgesehen von einer solchen rechtlichen und formalen Gleichheit der Menschen in einer Gesellschaft, erscheint es gerade SozialdemokratInnen aber zudem ungerecht, wenn Menschen aufgrund gesellschaftlicher Benachteiligungen wie schwieriger Ausgangsbedingungen ungleich behandelt werden. Diese Überlegungen kommen in der Forderung nach wirklicher, nicht bloß formaler Chancengleichheit zum Tragen. Plausibel ist dies, weil beispielsweise niemand etwas dafür kann, unter welchen Bedingungen er aufwächst. Hinzukommend ließen sich SozialdemokratInnen meist auch nicht von dem Fehlschluss bestimmen, dass, weil manche es von „ganz unten“ nach „ganz oben“ geschafft haben, dies grundsätzlich alle schaffen könnten, wenn sie nur bereit seien sich anzustrengen. Somit sollten auch bei angenommener Chancengleichheit diejenigen nicht vergessen werden, die zu den weniger Begünstigten in der Gesellschaft gehören.
Aber auch ganz allgemein werden die großen materiellen Ungleichheiten in der Gesellschaft häufig damit gerechtfertigt, dass sie Ausdruck der Leistungsbereitschaft des oder der Einzelnen seien. Abgesehen von den hierbei zugrunde liegenden oft absurden Vorstellungen davon, was Leistung ist, soll ein Kerngedanke des einflussreichen Gerechtigkeitstheoretikers John Rawls deutlich machen, weshalb jedoch mehr materielle Gleichheit geboten scheint. Ähnlich wie das Elternhaus, in das man hineingeboren wird, sind auch Talente, Gesundheit und die Intelligenz, die man mit auf den Weg bekommt, reiner Zufall, Ausdruck einer Lotterie der Natur. Für beides kann man nichts. Tatsächlich sind aber gerade diese beiden Faktoren wohl entscheidend dafür, welche Position man in einer Gesellschaft erreichen kann. Die bloße Forderung nach Chancengleichheit scheint somit wenig überzeugend, werden doch auch bei Chancengleichheit – die ohnehin nur schwer zu verwirklichen ist – diejenigen noch belohnt, die zufälligerweise mehr „leisten“ können. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen bleibt es also gerade auch für SozialdemokratInnen zu überlegen, ob aus Gerechtigkeitsgründen nicht mehr materielle Gleichheit in dieser Gesellschaft gefordert ist. Diese Bemerkungen sollten dazu anregen, über diese Frage nachzudenken. In erster Linie sollten sie aber ein vorsichtiges Plädoyer für mehr Gleichheit sein.
Tags: Soziale Gerechtigkeit
















Sonntag, 31.Juli 2011